DIE VERBUNDENE ATMUNG AUS SICHT DER MODERNEN NEUROWISSENSCHAFTEN

Die verbundene Atmung kann befreien – oder auch retraumatisieren. Immer wieder gelangt die Frage an uns, was denn da genau passiert mit dem Nervensystem, und warum für einige Systeme diese Art von Atmung so befreiend und für andere belastend ist. Wir haben ein paar sehr spannende Facts zusammengetragen, die einige Zusammenhänge klären sollen.

MUNDATMUNG
Säugetiere benutzen die Mundatmung, wenn sie aktiv sind. Sei dies auf der Flucht, beim Spielen, beim Kämpfen – also immer dann, wenn ‚sympathische Leistung‘ erbracht wird. Wenn wir also durch den Mund atmen, erhöht dies die Aktivierung des Sympathikus. Die Ruheatmung erfolgt immer durch die Nase. Die Nase ist auch als eine Luftstrom-Bremse zu betrachten, welche die Zwerchfelltätigkeit erhöht. Die Zwerchfellatmung wiederum ist am Ventralen Vagus angeschlossen und vermittelt Sicherheit. Selbstverständlich ist es so, dass die Nasenatmung ebenfalls flach gehalten werden kann, wenn der Dorsale Vagus vorherrscht. Dies ist hier nicht gemeint und wird weiter unten noch präzisiert.
Mundatmung mit ‚gebremster Zwerchfellatmung‘ erfordert Übung. Durch den Mund atmen begünstigt bei Menschen, die sich ihrer Atemfunktionen nicht bewusst sind, die Aktivierung der Atemhilfsmuskulatur, welche mit dem Sympathischen Nervensystem in Wechselwirkung steht. Dementsprechend ist es möglich, allein durch Mundatmung in einen neuronal überaktivierten Zustand zu kommen. 
Gewisse Atemlehren arbeiten mit der wissenschaftlichen Erkenntniss des Seufzens, welches ebenfalls bei offenem Munde passiert. Seufzen unterbricht einen Gedankengang (festgestellte Aktivitätsveränderung im bestimmten Hirnarealen). Dies ist gut, wenn wir etwas loslassen, jedoch hinderlich, wenn wir ‚hinschauen‘ wollen.

VAGUS-NERV-AKTIVIERUNG
Wie oben erwähnt, ist die Zwerchfellatmung mit dem Ventralen Vagus und dem Sozialen Nervensystem verbunden. Ist jemand in der Kombination von Mundatmung und Zwerchfell ungeübt, verliert er die Verbindung zum Soziale Nervensystem und pendelt zwischen Dorsalen Vagus und Sympathikus hin und her – ohne Ventralem Vagus. Dies bedeutet für das System der Verlust der Verbundenheit mit sich und der Umwelt und kann zu retraumatischen Erlebnissen und Dissoziation führen (sogenannte 'Reisen')
Verbundene Atmung aktiviert also den ‚Vagus‘, doch es ist massgebend, ob der Ventrale über die richtige Zwerchfellatmung dabei ist oder nicht. 

SAUERSTOFFSÄTTIGUNG
Damit Sauerstoff vom Blut in die Zellen gelangt, benötigt es CO2. CO2 spaltet das O2 vom Hämoglobin, so dass es die Zelle überhaupt erreicht. Wenn wir die Sauerstoffsättigung absichtlich erhöhen, haben wir weniger CO2 im Blut, was heissen kann, dass der Sauerstoff nicht da landet, wo wir ihn wollen: nämlich in den Zellen. Wie reagiert unser Körper darauf? Er muss mehr CO2 produzieren! Dies macht er mit unwillkürlichen Erscheinungsformen wie Zittern, Hitze, Kälte, Kribbeln. Meist reagieren traumatisierte Gewebe zuerst, und gespeicherte Emotionen werden frei. Kommt ein Mensch zum ersten Mal damit in Berührung, kann die schlicht und einfach Überfluten und ihn disconnecten. Der Ventrale Vagus fährt zurück, der Sympathikus hoch, und der Dorsale Vagus sorgt für ausserkörperliche Erfahrungen. Durch eine richtige Zwerchfellatmung kann ein geübter Praktizierender die Reaktion der traumatisierten Gewebe ‚umlenken‘ und so auch die aufkommenden Emotionen regulieren.  
Es ist also Vorsicht geboten: Verbundene Atmung kann beim ungeübten, traumatisierten Anfänger dasselbe wie die Hyperventilation bewirken – eine traumspezifische 1:1-Begleitung soll bei der Atemschulung beginnen. Was ist das Zwerchfell? Wann atme ich mit meinen Atemhilfsmuskeln? Wie kann ich meine individuellen Aktivierungsmuster kennenlernen und aktiv nutzen? Welche Emotionen zeigen sich im Kleinen, und wie gehe ich damit um? 

ATEMPAUSEN
Eine Atempause dient dazu, den gewohnten Gashaushalt wiederherzustellen. Dies merken wir besonders nach der Ausatmung. Unser Atemhunger verrät uns einiges über unseren neuronalen Zustand. Befinden wir uns im Sympathikus, ist dieser viel grösser und die Pausen viel kleiner bis gar nicht (wie bei der verbundenen Atmung). In der Verbundenheit und Sicherheit geschieht die Atmung mit der vollumfänglichen Zwerchfell-Tätigkeit. Überwiegt der Dorsale Vagus, ist die Atempause sogar etwas länger als gut, und es soll ebenfalls vermehrt die bewusste Zwerchfellatmung praktiziert werden.

RESSOURCEN
Ressourcen heisst nicht: denk an etwas Schönes. Ressourcen bedeutet, Anker im Körper zu wissen und jederzeit Zugang dazu zu haben. Dies erfordert einige Arbeit an sich selbst. Wo im Körper bin ich sicher, so dass ich mich und mein System regulieren kann, wenn ich durch Gashaushalt-Änderungen Affekte hervorhole? Habe ich bereits Zugang zu meinen tiefen Traumata? Weiss ich, wohin mich wenden? Wie ist mein soziales Umfeld? Die vorgängige Abklärung und Pflege der eigenen Ressourcen ist sehr wichtig. Sie können noch so simpel sein, bewahren uns aber vor einer allfälligen Abwärtsspirale und Abhängigkeitsverhältnissen.

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